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Somatic Integration® in der Behandlung von traumabedingten Störungen
April 2010 Perry Holloman
In den letzten 30 Jahren habe ich in meiner Praxis am Esalen Institut in Kalifornien viele
Menschen mit Traumaerfahrungen behandelt. Traumatisch bedingte Störungen und
Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS) können sich individuell sehr verschieden
auswirken, abhängig von der Persönlichkeitsstruktur und der spezifischen traumatischen
Vorgeschichte. Ein psychologisch gesunder Mensch, also ein Mensch mit einer stabilen,
konsistenten Selbststruktur, wird ein Trauma anders verarbeiten und auf eine Behandlung
durch Berührung bereitwilliger reagieren als jemand, der relativ instabil ist.
Es ist wichtig, diese ziemlich offensichtliche Tatsache zu erwähnen, weil der
Körpertherapeut, der traumatisierte Klienten behandelt, vor der körperlichen Berührung
seiner Klienten deren ausreichende Stabilität sicherstellen muss. Aufgrund des hohen
Potentials der Körperarbeit, gebundene Traumaenergie zu mobilisieren, besteht sonst die
Gefahr, den Klienten zu destabilisieren oder zu retraumatisieren. Ist Körperarbeit für den
Klienten geeignet, insbesondere tiefe Körperarbeit, ist es sehr wichtig dass der Therapeut
mit hoher Sensibilität arbeitet und ein klares Feld schafft, in welchem sich eine
Vertrauensbeziehung zwischen Klient und Behandler entwickeln kann. Bei schwer
traumatisierten Menschen bedeutet dies, dass über mehrere Sitzungen hinweg eine
therapeutische Beziehung aufgebaut werden muss. Der professionelle Körpertherapeut
sollte diese Klienten ermutigen, sich während der Behandlung zusätzlich
psychotherapeutische Unterstützung zu holen, falls ihm selbst die Qualifikation dafür fehlt.
Wenn tiefe Körperarbeit für den Klienten geeignet ist, sich die notwendige Bindung
entwickelt hat und eine unterstützende Struktur geschaffen wurde, kann Somatic Integration
ein sehr wirkungsvoller Bestandteil bei der Heilung der oft hartnäckigen Symptome sein,
die sich bei posttraumatischen Stresssyndromen zeigen. Warum sind solche Symptome so
schwer zu behandeln und geben der therapeutischen Intervention oft nicht nach? Die
Antwort ist in unserer Biologie zu suchen, weniger in unserer Psychologie. Trauma ist die
Folge davon, lebensbedrohlichen oder extrem stresserzeugenden Situationen ausgesetzt zu
sein. Die Traumatisierung bewirkt eine Reihe von komplexen neurologischen
Veränderungen, die sowohl den Geist als auch den Körper stark beeinträchtigen und dabei
für das Individuum als eine Maßnahme der Selbsterhaltung in der traumatischen Situation
funktionieren. Eine Traumatisierung kann auch dann entstehen, wenn die Situation
tatsächlich nicht lebensbedrohlich ist, sondern lediglich so wahrgenommen wird. Das
Nervensystem, insbesondere sein autonomer Anteil, schaltet um in den sympathischen
Kampf-Fluchtzustand und kann dort stecken bleiben oder einfrieren, was ein Zurückkehren
zu einem Modus, den ich "autonome Flexibilität" nenne, sehr schwer macht. Wenn
autonome Flexibilität vorhanden ist, wird der Kampf-Fluchtzustand als eine angemessene
Antwort auf stressauslösende Situationen erzeugt und löst sich wieder wenn diese beendet
sind. Wenn autonome Flexibilität nicht vorhanden ist, können wir in einem neurologischen
Zustand hängen bleiben, der durch Angst, Reizüberflutung, Aggression und die Unfähigkeit
zur Konzentration charakterisiert ist. Die Auswirkungen, die bei Kriegsveteranen und
Opfern von Gewaltverbrechen ausführlich belegt sind, können verheerend sein. Menschen
können die Fähigkeit verlieren, zu schlafen, zu arbeiten, in Beziehung zu sein oder zu essen.
Folge ist die Unfähigkeit, ein Leben mit einer normalen Alltagsroutine zu führen. Bis die
Ursache des Traumas benannt und die autonome Flexibilität wiederhergestellt ist, kann das
Leben zu einem Albtraum werden, der sich auch als Trancezustand beschreiben lässt. Dieser
entsteht durch die blockierte Energie, die Persönlichkeitsstruktur wird buchstäblich
innerhalb des traumatischen Musters eingefroren.
Auf welche Art leisten Somatic Integration und andere Körpertherapiemethoden einen
Beitrag bei der Wiederherstellung der autonomen Flexibilität? Es gibt verschiedene
Schlüsselfaktoren, die im Heilungsprozess wesentlich sind. Einige davon, die meiner
Erfahrung nach von signifikanter Bedeutung sind, möchte ich im Folgenden darstellen.
Erstens umgeht die Arbeit mit Berührung an sich die intellektuellen Verteidigungsmechanismen
des Klienten und wirkt direkt auf die Teile des Nervensystems, in dem die
„gefrorene“ Traumaenergie lokalisiert ist: Auf das limbische System und stammesgeschichtlich
ältere Teile des Gehirns, das so genannte Reptiliengehirn. Hier müssen wir
vorsichtig sein. Bei Traumatisierten tritt Scham als Abwehrmechanismus häufig auf. Hat
der Therapeut nicht genügend Erfahrung, um professionell mit der Komplexizität von
Abwehrscham umzugehen, kann das Unterlaufen der intellektuellen Verteidigung leicht zu
noch größerer Destabilisierung führen und dadurch das Trauma noch tiefer verfestigen.
Wenn dagegen der erfahrene Therapeut, eine tragfähige Vertrauensbeziehung mit dem
Klienten aufgebaut hat, kann der Klient sich nach und nach durch den komplexen „Knoten“
aus blockierter Energie durcharbeiten, um so die Traumatisierung aufzulösen und die
autonome Flexibilität wieder herzustellen.
Zweitens hat Trauma gewöhnlich eine starke nonverbale Komponente. Die Energie und das
Muster des Traumas sind etwas, was der Körpertherapeut unter seinen Händen fühlen kann.
Dies kann für die Heilung entscheidender sein, als mit dem Klienten über das Thema zu
sprechen. Somatic Integration Therapeuten lernen, den Körper von der Oberfläche bis zur
Knochenhaut zu spüren. Sie können aus dieser Gefühlsebene heraus die Spannungsmuster
erspüren, die durch den Verlust der autonomen Flexibilität entstehen. Sie haben die
Fähigkeit, diese Spannungsmuster mit hoher Sensibilität direkt zu berühren. Oft kann diese
Berührung die blockierten traumatischen Muster mobilisieren und sie so für Klient und
Therapeut der Bearbeitung zugänglich machen.
Letztlich verwendet das Bewusstsein – buchstäblich – das physische Gewebe, um
Erinnerungen, also auch unterdrückte und unbewusste Erinnerungen zu speichern. Dies ist
sehr wichtig um posttraumatische Stresssyndrome und deren hartnäckige Abwehr, die uns
aus traditionellen psychotherapeutischen Ansätzen bekannt ist, zu verstehen. Und es macht
deutlich, warum es absolut notwendig ist, eine körperliche Komponente bei der Arbeit mit
Traumatisierten einzubeziehen.
Dies sind einige der Gründe, warum tiefe Körperarbeit, insbesondere Somatic Integration,
eine wichtige und effektive Komponente in der Behandlung von traumatisch bedingten
Störungen und der daraus resultierenden Symptome ist. Unter den komplexen Bedingungen
der Arbeit mit traumatisierten, sollten weder der katalytische Effekt, noch die heilende Kraft
der tiefen Körperarbeit unterschätzt werden.
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